Gedanken aus Müggelheim

Von Randy Witte

Justin Long nannte es in „Stirb langsam 4.0” einen Fire-Sale. Der totale Ausfall der Infrastruktur, Transportwesen, Kommunikation und Strom. Doch was in Hollywood weit hergeholt klingt, erreicht uns nun auf unserer schönen Insel Köpenick. Seit die Salvador-Allende-Brücke dicht ist, traut man sich kaum noch in den Berufsverkehr. Die getroffenen Maßnahmen lähmen den Verkehr sogar noch mehr. Wenn die BVG streikt, wie gerade geschehen, kann man sich auch auf öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr verlassen. Die Feuerwehr schrieb kürzlich einen Brandbrief an den Berliner Senat und kündigte die Außerkraft- setzung von Diensten an. Am 19. Februar wurde das Stromnetz für anderthalb Tage in Köpenick lahmgelegt. Ein Plan B? Fehlanzeige. Statt Zutritt zu Geschäften und Geldautomaten erwarteten einen abtauende Gefriertruhen und stillstehende Straßenbahnen. Zählt man das zusammen zu dem Behördenversagen, solche Probleme in den Griff zu bekommen oder alltägliche Aufreger, wie unzureichendem Wohnraum, fehlende Kitaplätze oder Schulkinder, die zwei Stunden mit der Bahn nach Kreuzberg fahren müssen, weil es in Köpenick nicht genug Schulen gibt, stecken wir tatsächlich in einem Fire-Sale. Gibt es Konsequenzen? Nein! Frankreichs Geldwesten sucht man hier vergeblich. Alle schimpfen, aber keiner ist laut genug, um gehört zu werden. Spricht man Leute auf ihr passives Wahlrecht an, wird abgewunken. Die Bevölkerung resigniert und das macht es schlimmer.
Die aktuelle Situation, vor allem die gesperrte Brücke und die unsinnigen Maßnahmen, wie die Einbahnstraße durch die Altstadt oder eine 150 Meter lange Busspur auf der Müggelheimer Straße, forderten schon ihre ersten Opfer. Die Dresdener Feinbäckerei in der Rudower Straße hat bereits dicht gemacht. In der Altstadt, die ohnehin seit einigen Jahren ausstirbt, sind die letzten Einzelhändler verunsichert. Auch andere Geschäfte verzeichnen sehr starke Umsatzverluste. Kunden eines Paketschops benötigen über eine Stunde, um von der Altstadt über drei Brücken (Dammbrücke, Spindlersfelder Brücke und Lange Brücke) zurück nach Wendenschloss zu gelangen. Die meisten Geschäfte können das nicht kompensieren. Eine Stellungnahme oder Unterstützung vom Bezirksamt erwartet man vergeblich. Zahlreiche Kunden und Gewerbetreibende wurden von den Maßnahmen eiskalt überrascht. Nicht jeder liest täglich Pressemitteilungen oder Facebook.
Es kann immer mal aufgrund höherer Gewalt, eines Unglücks oder einfach dummer Zufälle zu einem Problem, einer Einschränkung kommen. Wenn man dieses aber nicht zu einer lösbaren Aufgabe macht und konstruktive Troubleshooter einsetzt anstatt belangloser Kommentatoren, wird es bald nicht mehr erträglich sein, hier zu wohnen. Ich bin seit fast 30 Jahren Köpenicker. Und sicher hatten wir in den 90ern auch unsere Probleme. Aber die Infrastruktur in Köpenick hat sich derart zurück entwickelt, dass wir im Vergleich dazu in der Steinzeit leben. Die Berliner Verwaltung zeigt sich einmal mehr von ihrer besten Seite.

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