Müggelheimer Bote
14. Jahrgang, Ausgabe 10/2007
Oktober 2007
Müggelheimer Bote

Inhalt
Neue Steganlage lässt auf sich warten
Gelungenes Jugendkonzert als "Geschenk" für die Müggelheimer
EU-Gelder: Wie ein warmer Regen
Müggelheimer Damm soll sicherer werden
BVBB bereitet neue Einwendungen vor
Schulhoffest ein voller Erfolg!
Kultur: Von Chaosmenschen und "Rockchansongs"
Wettergott im Clinch mit dem Erntefest
Künstler im Porträt: Melt
Probleme mit dem Körpergewicht (III)
Weitere Meldungen
Karikatur
Gedanken aus Müggelheim
Aus den Vereinen
Aus der BVV
Neues aus Treptow-Köpenick
Leserbrief
Kleinanzeigen
Kirche
Serie für den Natur- und Gartenfreund
Geschichten aus dem Müggelwald
Archiv
Müggelheim im Internet
Impressum
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Probleme mit dem Körpergewicht (III)

von MR Dr. Rolf Förster

Was ist bis dahin zu tun?
Wenn auch Gewichtsregulation anteilig genetisch bedingt ist, so sollten wir keinesfalls tatenlos zusehen, wie sich krankhafte Fettsucht schon bei Kindern und Jugendlichen auf besorgniserregendem Vormarsch befindet. Denn so viel steht eindeutig fest: hochkalorienreiche Kost und Inaktivität sind beeinflussbare Faktoren.
Weniger fernsehen ist auf jeden Fall erstrebenswert, wenn es auch angesichts der hohen Wertschätzung von Fernsehen und PC schwierig sein wird, dieses Maßnahmen durchzusetzen.
Aber agressive und „kinderfreundliche” Werbung für Lebensmittel in Kindersendungen (gezuckerte Getränke, Süßigkeiten, Gebäck und Knabberzeug, Cornflakes oder Magnum-Eis usw.) sollten wenigsten untersagt werden. Seit mehr als 30 Jahren stopft das Krümelmonster aus der Sesamstraße Kekse in sich hinein und Mickey, beliebtester Held aus der Cartoon-Serien „Große Pause”, denkt immer nur ans Essen. Muss das sein?
In den USA ist es noch schlimmer: Amerikanische Kinder sitzen im Durchschnitt fünfeinhalb Stunden täglich vor der „Glotze” und sie sind damit potenziell bis zu einer Stunde Werbung ausgesetzt. Werbeverbote für Lebensmittel in Kindersendungen bestehen bereits in Schweden, Belgien und Irland. Warum nicht bei uns? Getränkeautomaten mit gesüßten Getränken gehören auch nicht in Schulen! Vielleicht könnte auch eine Sondersteuer u.a. auf Fastfood und Softdrinks einen Mosaikbeitrag leisten. Ebenso erstrebenswert ist die Verbesserung der Mobilität durch begrenzte Nutzung des Autos für Schulan- und -abfahrten usw.
Vorbild ist Finnland. Dort gelang es durch Einbeziehung vieler Akteure (Schule, Ärzte, Medien, Lebensmittelindustrie und Politik) die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten der Bevölkerung so zu verändern, dass die Herz-Kreislauf-Sterblichkeitsraten von 1972 bis 1997 um 62 % reduziert werden konnte.
Es ist meines Erachtens auch Aufgabe der Politik, eine gesellschaftliche Diskussion auf verschiedenen Ebenen zum Thema „Übergewicht und Gesundheit” anzuregen. Die neue Einrichtung der Plattform „Ernährung und Bewegung e.V.” könnte ein erster Schritt hierzu sein. Wer ein meines Erachtens wirklich gutes Büchlein mit Rezepten (keine Diäten) lesen möchte, dem empfehle ich: Nicolai Worm „Glücklich und schlank”, ISBN 3-927372-26-9
Wenn auch über die bedeutsame Rolle der Bewegung zur Gewichtsreduzierung gsprochen wurde, komme ich als Sportarzt nicht umhin, einige grundsätzliche Bemerkungen dazu zu machen. Schauen wir mal auf die Medaillenzählerei bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Platz eins in der Nationalwertung - wie zuletzt bei den Winterspielen in Turin - wird immer wieder gerne als Beweis für die Potenz unseres Landes interpretiert. Tatsächlich taugen aber die Ergebnisse einer Handvoll Spitzenathleten ganz und gar nicht als Abbild der Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft. Für die Masse der Bevölkerung gibt es eben weite Sprünge und schnelle Schritte nur im Fernsehen. Bei ihnen selber zwickt die Hüfte, leiden der Rücken und die Knie, die Gelenke schmerzen.
Manch einer beugt zwar vor: Nordic Walking, Aqua Jogging im Schwimmbad oder Gesundheitssport in den vielen Zentren. Dennoch scheint bei Kindern statt sportlicher Aktivität eher Geldausgeben und Computersitzhaltung angesagt. Ihr Konsumverhalten nähert sich früh dem der Erwachsenen. Die motorischen Fähigkeiten der Kinder haben sich heute schon verschlechtert, europaweit ist die Fitness der Kinder in den vergangene 25 Jahren um 15 - 20 % zurückgegangen. Etwa 20 % der Viertklässler sind übergewichtig.
Wichtig ist also, dass Kinder den Sport schon frühzeitig als lebensbereicherndes Element kennenlernen. Das beginnt im Vorschulalter und sollte durch einen hochqualifizierten Schulsport, dem eben mehr Stellenwert eingeräumt werden sollte, kontinuierlich fortgesetzt werden. Sportwissenschaftler halten die Kooperation zwischen Schule und Verein für entscheidend. Sie sehen die flächendeckende Ganztagsschule als Chance für eine Aufwertung von Spiel- und Bewegungssport. Der Osnabrücker Sportwissenschaftler Wopp meint: „Wir sollten eine Entwicklung haben, wie in den USA, so dass der Schulsport wichtiger sein wird als im Moment der Vereinssport. Sport sollte ein Imagefaktor sein. Die Schulen sollten auch damit werben.” Vielleicht ist das eine Möglichkeit um den Schwund in den Sportvereinen zu lindern. Schon kommen beim Fußball nicht mehr überall elf Freunde zusammen. In einigen Kreis- und Bezirksebenen wird nicht mehr auf dem Großfeld gegeneinander gespielt. Sie treten stattdessen auf dem Kleinfeld sieben gegen sieben an: „Die Mannschaftsgrößen in den Spielsportarten werden kleiner”, prophezeit Wopp. Volleyball hat die Entwicklung zum Beachvolleyball schon hinter sich. Eine weitere Herausforderung ist die Zuwanderung. Nach statistischen berechnungen wird im Jahr 2020 jedes zweite Kind unter 18 einen Migrationshintergrund haben. Um diese Kinder vor allem wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit ins Sportsystem zu integrieren, muss sich das System wohl ändern.
Nach einer Studie der Uni Osnabrück wird bei Kindern mit Migrationshintergrund häufig eher Kampfsport und Tanz eine Rolle spielen, auch Inline-Skaten, Breakdance, Hip hop - eine neue Verarbeitung bodenturnerischer Elemente usw.
Bei der Inflation von Fernsehwettkämpfen, in denen Sport zu Gladiatorenspielen stilisiert wird, sehe ich eine der Gefahren. Die Kluft zwischen Hochleistungs- und Breitensport wird weiter wachsen. „Bei künstlichen Veranstaltungen wie Biathlon im Kohlenpott, bei Dimensionen, in denen Skispringer 250 Meter weit fliegen, Entscheidungen, bei denen es auf Hunderstel Sekunden ankommt und Platz vier schon nichts mehr zählt, verliert die Jugend Anschluss und Motivation.
„Bewegung findet nicht weiter auf dem Platz und in der Halle statt, sondern nur noch auf dem Fernsehbildschirm”, so der Teamarzt der nordischen Kombinierer, „und eine Welle der dicken Kinder wird uns überrollen.” Und dadurch werden Haltungsschäden, Entwicklungsstörungen und Herz-Kreislauf-Schwächen zunehmen. Die Kinder und Jugendlichen sitzen vormittags in der Schule, nachmittags am Computer und abends vor dem Fernseher. Diesen schädlichen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Hier sind Eltern, Schule, Sportwissenschaftler und Politik gefragt. Es ist schon bald fünf vor zwölf!
Resümee
Essen macht zwar Spaß, dennoch sollte man nur dann essen, wenn man hungrig ist. Nicht essen, wenn man nicht hungrig ist. Nur die Nahrung aufnehmen, die der Körper braucht. Jeden Bissen oft kauen und genießen. Aufhören, wenn man satt ist. Tägliche Bewegung sollte zur Gewohnheit werden, wie das Zähneputzen. Wenigstens zweimal täglich sollten wir für 20-30 Minuten spazierengehen. Es muss nicht unbedingt Sport oder das Fitnesscenter sein.
Denken Sie daran, dass Übergewichtige 60-120 Milliarden Fettzellen besitzen (Normalgewichtige 30-40 Milliarden). Jede Zelle kann zudem auf die achtfache Größe anschwellen. Das bedeutet wiederum, dass sich die gefüllten Fettzellen bei einer Diät zwar entleeren, ganz abgebaut werden sie aber nicht mehr. Sie liegen in Lauerstellung, um sich bei erhöhter Nahrungszufuhr nach Diäten wieder zu füllen. Dagegen hilft nur das bereits in der Einleitung Gesagte.
Und wenn auch dicke Menschen als gemütlich, humorvoll und geduldig eingestuft werden, so ist „dick” doch nicht unbedingt „chic” - und vor allem bei einem BMI von über 30 ungesund. Sich richtig ernähren will gelernt sein. Die Aktion „Fit von klein auf”, wie sie jetzt in Niedersachsen in den Kindergärten propagiert wird, ist meines Erachtens der richtige Ansatz, um den schweren Folgeerkrankungen durch krankhaftes Übergewicht gegenzusteuern. Eltern und Schulen müssen hier auch dringend mithelfen, ebenso die Industrie, die bisher nur allzugern ihre jungen Kunden zum ungesunden Konsum anfeuert.