Müggelheimer Bote
8. Jahrgang, Ausgabe 05/2002
Mai 2002

Inhalt
Sparmaßnahmen schweben wie ein Damoklesschwert über dem Dorfclub
Neu-Helgoland: "Jetzt wird kräftig in die Hände gespuckt..."
Kita-Pläne vom Denkmalamt gekippt
Neuer Umweltstadtrat positioniert sich gegen den Flughafen
Müggelheimer Angerfest in bewährter Tradition
Unzureichende Protokollierung der Schönefeld-Erörterung
Menschenkette gegen Flughafen Schönefeld
Gelbe Welle soll Wassertouristen nach Müggelheim bringen
Die etwas andere Geschichte
Fest wurde zum treff umfunktioniert
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Müggelheimer Bote
 

Die etwas andere Geschichte

(für große Menschen)

Depression 2013 - eine düstere Zukunftsvision

Die Stimmung war gedrückt. Der 16-jährige Jens saß leicht zitternd im Sessel und hatte es schwer sich zu konzentrieren. Wieder und wieder dröhnten in der Hauptverkehrszeit die schweren Flugzeuge über sein Elternhaus in der Nähe des kleinen Müggelsees.

Vor sechs Jahren, als der Großflughafen Schönefeld in Betrieb ging, bekam der sensible Junge plötzlich ein neurasthenisches Leiden, das immer wieder anfallsartig auftrat. Heute hatte er im Unterricht erfahren, wie damals gegen den Bau des Flughafens protestiert wurde. Schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts artikulierten betroffene Anwohner ihren wachsenden Unmut und ihr klares „Nein” gegen den geplanten Single-Airport, doch von seinen Eltern hatte Jens nie etwas dagegen gehört.

„Ihr wart gar nicht Mitglied im BVBB?” fragte der Junge seinen Vater, der sich von der Couch erhob und den Fernseher lauter stellte. Er hatte es mit den Ohren und wollte der Frage ausweichen.

„Da waren so viele drin”, half die Mutter mit einer Antwort aus.

„Nicht genug! Es waren nicht genug, haben sie uns heute gesagt. Dabei war der Beitrag ganz niedrig!”

„Bei Honecker war ich in der Gewerkschaft und das war dann Scheiße, da bin ich in keinen Verein mehr rein”, brubbelte der Vater und starrte in die Röhre.

„Ich versteh das nicht”, Jens Hand krampfte sich in die Polsterung: „Es waren doch mehr als 100 000 betroffen und nur 5000 waren Mitglied?”

„Nun werd mal nicht noch revolutionär!” Dem Vater war das Gespräch unangenehm. Hoffentlich fragt er nicht noch, ob wir Geld gespendet haben oder auf den vielen Demos waren, dachte er missmutig.

„Wart ihr denn auf den Demos gegen den Flug . . .”

Jens wurde von der Mutter unterbrochen: „Lass jetzt den Papa fernsehen!”

Jens wurde aufmüpfig. Ihn kotzte die lahme Gleichgültigkeit seiner Erzeuger an. Vielleicht hätte er sein nervöses Leiden nicht, wenn der Airport verhindert worden wäre. Das kann man leider nur vermuten. So langsam ahnte er, dass seine Eltern nicht mal ein NEIN-Schild im Garten oder am Auto hatten, geschweige denn Geld gespendet oder Protestbriefe verfasst.

Er sagte: „Wahrscheinlich habt ihr damals auch nur ferngesehen, während andere sich aufgerieben haben.” Der Vater riss den Kopf herum. „Hör mal, Junge. Wir haben eine Einwendung geschrieben!” „Solche fertigen Vordrucke, die wir unterschreiben mussten”, ergänzte die Mutter, was ihrem Gatten gar nicht passte. „Papa hat ja noch gehofft Arbeit am neuen Flugplatz zu kriegen.” Ihre Stimme klang, als ob sie Tränen herunterschlucken musste.

Der Vater wurde laut: „Die haben uns belogen, die Schweine! Jeden Tag entstehen zwei neue Arbeitsplätze, haben sie geschrieben. Dabei sind nicht mal alle untergekommen die aus Tegel und Tempelhof kamen.” Jens blieb nun auch nicht mehr still. Er war erregt und außerdem donnerte gerade wieder ein landender Airbus übers Haus.

„Habt ihr damals diese gelben Infoblätter gelesen? Zwei Stunden haben wir heute über das Thema gesprochen. Wir haben Dinge gelesen und erfahren, da schnallt ihr ab. Ihr hättet es wissen müssen, weil es schon vor 15 Jahren in diesen Infos stand und im Boten. Ihr habt mir nie etwas erzählt. Der Lehrer wusste Bescheid, wer wen bestochen oder erpresst, wer mit wem gemauschelt hat. Ihr hättet aufschreien müssen!”

„Jetzt reicht‘s!”

„Genau das hättest du damals schreien müssen. Das haben viel zu wenige gemacht. Jetzt haben wir diese Dröhn- und Dreckschleudern überm Dach. Ihr habt trotzdem keine Arbeit, ich bin krank und wenn es uns richtig schlecht gehen sollte, können wir nicht mal das Grundstück verkaufen, weil es nichts mehr wert ist.”

Die Mutter fing jetzt wirklich an zu weinen. Dem Vater blieb der Mund offen stehen. „Ich hol mir einen Schnaps. Und wenn es dir nicht passt, mein Herr Sohn, dann kannst du ja ausziehen.” „Das werde ich auch tun. Heute noch!”

Die Mutter schluchzte: „Wo willst du denn hin? Du hast nichts, du verdienst nichts. Wir können dir keine Wohnung bezahlen.”

„Das brauchst du nicht, Mutter. Ich gehe und ziehe bei Oma ein, da brauche ich nichts zu bezahlen bis ich selbst verdiene.”

„Du willst zur Oma nach Tegel?”

„Ja, Mam, ich glaube die Ruhe dort wird mir gut tun.”

Jens stand auf, ging in sein Zimmer und begann einen Koffer zu packen. Wieder erfüllte das Haus das unangenehme Dröhnen eines Jumbo Jets. MJ